Oxford Business News

Nach einem Jahr Biosprit E10 tauen Autofahrer langsam auf

Absatz steigt leicht an - Chaos der Einführung kostete Ölbranche dreistelligen Millionenbetrag

Hamburg (dapd). Der schwarze Opel Signum mit dem 2,2-Liter Benzinmotor starb wie ein Held: Monate und Monate wurde er mit falschem Sprit befeuert, aber erst nach 30.000 Kilometern gab das große Auto auf; Kunststoffteile im Motor wurden löchrig. "Er hat verdammt lange durchgehalten", sagt Christian Buric vom Autoclub ADAC.

Das noble Auto war der Testwagen des Autoclubs für das vor einem Jahr eingeführte Biobenzin E10. Der langlebige Signum gehörte zu den damals drei Millionen Autos, die das neue Benzin auf Anweisung der Hersteller eigentlich nicht hätten tanken dürfen. Unter den 27 Millionen für den neuen Sprit freigegebenen Benzinern "wissen wir von keinem Schaden durch E10", sagt Buric.

Entwarnung also beim umstrittenen Biosprit von der stärksten Macht der deutschen Autofahrerlobby. Das sah vor einem Jahr ganz anders aus. Als "Ökoplörre" wurde der neue klimafreundlichere Sprit verdammt. Nicht einmal zehn Prozent der Benziner-Fahrer packten E10 in den Tank. Die Industrie hatte mit einem Anteil von 90 Prozent gerechnet. Das hätte der Zahl der für E10 freigegebenen Autos entsprochen.

Super E10 enthält zehn Prozent klimafreundliches Bioethanol. Das bis dahin übliche Super E5 hatte nur fünf Prozent davon beigemischt. Es wurde bei der Umstellung in großen Teilen des Landes praktisch über Nacht von E10 ersetzt.

Drei große Bedenken gab es bei den Autofahrern aber gegen den neuen Sprit, der ohne große Werbung eingeführt wurde. 64 Prozent der Fahrer ärgerte in einer Umfrage des Verbandes der Ölindustrie MWV der höhere Verbrauch: Weil Bioethanol weniger Energie enthält als Benzin aus Öl, steigt der Verbrauch. 52 Prozent fürchteten die angeblichen Motorschäden. Aber 37 Prozent erklärten, "ich möchte nicht bevormundet werden".

Anfang 2011 war die Hochzeit der Wutbürger: Der Kampf um den Stuttgarter Tiefbahnhof fesselte das ganze Land. Offenbar gab es auch unter Autofahrern solche Gefühle: In Blogs schimpften Fahrzeughalter, das "Gebräu kommt mir nicht in den Tank" und so weiter.

Für die Ölkonzerne wurde die Verweigerung zum Desaster. Die Wut-Fahrer wechselten im großen Stil zum teuren Super plus. Das aber ließ die Benzinversorgung beinahe zusammenbrechen: Es gab nicht genug Super Plus aus den Raffinerien, die Tankstellen mussten mehrfach am Tag nachbeliefert werden. Die Konzerne kostete der ganze Ärger nach Schätzungen einen guten dreistelligen Millionenbetrag.

Nach einigen Wochen und einem sogenannten Benzingipfel samt Wirtschaftsminister in Berlin ruderte die Industrie zurück. Das alte Super E5 kam wieder an die Tankstellen. Heute können die Fahrer an den meisten Stationen der großen Ketten zwischen E10 und E5 wählen.

Und sie geben ihre Abneigung gegen den Biosprit offenbar langsam auf. Bei den beiden größten deutschen Tankstellenketten Shell und Aral liegt der Absatz des auf Druck der Bundesregierung eingeführten Ökobenzins inzwischen bei bis zu 20 Prozent und damit weit über dem Durchschnitt. Aral-Sprecher Detlef Brandenburg sagt: "Der Anteil steigt langsam an."

Der Ölverband MWV meldet für Dezember einen bundesweiten Anteil von 11,6 Prozent E10, im Februar 2011 waren es erst 8 Prozent. Vor allem im Osten und Süden Deutschlands, wo das Biobenzin als erstes eingeführt wurde, steigt die Nachfrage, wie ein Experte aus der Branche unter der Hand berichtete.

So könnte sich ein Millionendesaster doch noch zu einem Erfolg wandeln: "Wir sind überzeugt, dass E10 mittelfristig das absatzstärkste Produkt wird", sagt Aral-Sprecher Brandenburg, die übrigen Ölkonzerne sehen es ähnlich. Offenbar setzt sich der Spartrieb der deutschen Autofahrer doch noch durch: E10 ist in der Regel drei Cent billiger als E5. Die Ölkonzerne erklären, so solle der Absatz des Biosprits angekurbelt werden.

dapd

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